Vom organisierten Elend der 3. Welt

Rezension des Buches
"Das Imperium der Schande" von Jean Ziegler
von MILENA BÜCHNER

Das neue Werk des "UNO-Sonderberichterstatters für das Recht auf Nahrung" kombiniert genauestens recherchierte Fakten über den tagtäglich todbringenden Mangel in den 122 Entwicklungsländern mit glasklaren Analysen der geopolitischen Machenschaften seiner Verursacher in der so genannten 1. Welt.

Jean Ziegler: begabt mit gleichwohl politisch scharfsichtigem Verstand und der Fähigkeit, sich vom eher trostlosen Dasein der Mehrheit auf unserem Planeten noch erschüttern zu lassen, möchte mit diesem Buch einen Prozess des globalen Aufbegehrens gegen "den permanenten wirtschaftlichen Krieg" in Gang setzen. "Das Massaker an Millionen Menschen durch Unterernährung und Hunger ist eine Absurdität und eine Schande. Wer an Hunger stirbt, stirbt als Opfer eines Mordes: Und der Mörder trägt einen Namen, er heißt: Verschuldung."

Jean Ziegler nimmt, wie immer, kein Blatt vor den Mund.

Er erkennt im globalen Finanzsystem von WTO und IWF eine gezielte Erpressung der 3. Welt, denn während für die armen Länder die Schuldenlast erdrückend ist, und dort wegen der Tilgungsbürden vor allem die soziale Infrastruktur ruinös auf der Strecke bleibt, sind diese Summen im Weltmaßstab der Reichen lediglich peanuts, und es würde weder die USA, noch Europa finanziell spürbar belasten, wenn es zu einer Entschuldung der Armen käme. Um so kalkulierter kann die 3. Welt jedoch mit Krediten andauernd gefügig gehalten, dominiert und schamlos ausgebeutet werden, da sie sich gegen die scheinbar omnipotenten Geberländer nicht wehren kann.

Ein Übriges an Unterdrückung geschieht durch die elitären Potentaten vor Ort, die mit westlichem Luxus ausgestatteten korrupten Herrscher, die an Demokratie "naturgemäß" nicht interessiert seien, und mit lukrativen Waffenlieferungen der Supermächte bedient, die eigene Bevölkerung zum Stillhalten zwingen.

"Es kommt nicht darauf an, den Menschen der Dritten Welt mehr zu geben, sondern ihnen weniger zu stehlen." Deshalb ist der Kampf um wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte unverzichtbar, formale Demokratie in den Ländern der 3. Welt allein verhindert nicht, dass Tausende Menschen alljährlich zugrunde gehen.

Auch abseits vom süßen Brei des Infotainments privater Medien kommen verheerende ökonomische Tatsachen kaum ins Bewusstsein unserer ach so informierten Bevölkerung: "Die europäische Dumpingpolitik verwüstet die afrikanischen Agrarwirtschaften."

Es scheint, als wiederholte sich der Autor mit seinen nimmermüden Anklagen, doch das scheint nur so. Im Gegenteil: angesichts der neokolonialen Machtstrukturen, dem gar expliziten Interesse z.B. der Nato-Herren, "die Ideologen des Präventivkriegs", sich notfalls die Energie-Ressourcen per Waffengewalt verfügbar zu machen, verschärft sich die globale Schräglage, und so weist Jean Ziegler uns anhand von konkreten atmosphärisch dichten Reportagen z.B. aus Äthiopien, Brasilien und Schwarzafrika darauf hin, dass "die Allmacht des Marktes" keineswegs ein unausweichliches Schicksal ist, das wir im Westen nur bedauernd hinnehmen dürfen, sondern dass wir Wissenden mit - verantwortlich sind, und durchaus demokratischen Druck auf unsere Regierenden ausüben, uns vom weit verbreiteten Zynismus der transnationalen Konzerne sehr wohl handelnd distanzieren können, auch durch Boykott; wenn immer mehr öffentliche Güter privatisiert werden, sind die Menschen der Industrieländer nämlich auch bedroht. Im rasanten Tempo der Globalisierung geht es darum, im Sinne einer einklagbaren weltweiten Verteilungsgerechtigkeit der zerstörerischen Ernstfall - Logik der Multis solidarisch entgegenzutreten. Die alternativen Gipfeltreffen von Attac und anderen Nicht - Regierungs - Organisationen und ihre internationale Vernetzung sind ein hoffnungsfroher Anfang.

Jean Ziegler: Das Imperium der Schande. Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung. Bertelsmann, München. 320 S.

14.01.2006